Warum wir (fast) keine Angst vor dem Kohleausstieg haben müssen

Gastbeitrag von Felix Austen

Beim Thema Kohle gibt es viel Unwissenheit. Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Es gibt keinen Grund, sich zu fürchten.

Kannst du dich noch an den letzten Stromausfall bei dir zu Hause erinnern? Bei mir muss es der Sturm Lothar gewesen sein, der zu Weihnachten 1999 in Süddeutschland die Lichter ausknipste. Insgesamt kann ich die Vorkommnisse an einer Hand abzählen.

Stromausfälle sind hierzulande etwas Besonderes, weil Seltenes: Knapp 13 Minuten mussten wir Deutschen 2016 im Schnitt auf Fernsehen, Wasserkocher und Licht verzichten. Die stromfreien Minuten werden seit Jahren weniger und sind bereits so niedrig wie fast nirgends sonst auf der Welt.

Trotzdem schleicht das »Schreckgespenst Stromausfall« durch die Köpfe der Menschen – und macht auch vor denen nicht halt, die es besser wissen sollten:

»Wir haben jetzt schon Probleme mit der Versorgungssicherheit. Bei manchen Unternehmen flackert das Stromnetz und gefährdet damit die Produktion, weil der Strommix aus den Erneuerbaren in Stoßzeiten nicht ausreicht. Wenn wir die Kohle jetzt parallel zur Kernenergie aus dem Stromnetz rausnehmen, müssen wir mit flächendeckenden Blackouts rechnen.«– Nicola Beer, FDP-Generalsekretärin

Das ist offensichtlich Unfug und entbehrt jeglicher Grundlage. Aber Nicola Beer ist nicht die Einzige, der vor lauter Fakten ein wenig der Kopf zu brummen scheint und die unbegründete Ängste hat. Auch Vertreter anderer Parteien wissen nicht immer, welchen Zahlen sie glauben sollen – das zeigt ein Papier, das die Ergebnisse der gescheiterten Sondierungsgespräche zusammenfasst:

Darin scheinen CDU, CSU und FDP auf der einen und den Grünen auf der anderen Seite unterschiedliche Fakten darüber vorzuliegen, wie groß denn nun die Lücke ist, mit der Deutschland seine Klimaschutzziele für das Jahr 2020 verpassen wird.

Zugegeben, es ist auch nicht immer ganz leicht mit den ganzen Zahlen …

Wenn wir sie vernünftig anschauen, wird aber schnell klar, warum die einen den schnellen Kohleausstieg fordern – und warum sich (fast) niemand vor einem Kohleausstieg fürchten muss. Denn: Die 4 häufigsten Ängste sind unbegründet.

Deshalb gibt es hier für euch, liebe Politiker, eine solide Entscheidungsgrundlage: eine handliche Übersicht zur Frage »Was bedeutet der Kohleausstieg für Deutschland?«.

Um Verwirrung zu vermeiden: Eines der gängigsten Szenarien für den Kohleausstieg bedeutet, die 20 ältesten großen Kraftwerke in Deutschland bis 2020 abzuschalten. Der Rest der aktuell gut 160 Kraftwerke würde dann nach und nach bis 2030 abgeschaltet. Von diesem Szenario geht auch dieser Artikel aus.

Warum so viele den Kohleausstieg wollen

Bevor wir die Ängste beiseite räumen, wäre da noch die Frage: Warum haben sich alle so auf die Kohle eingeschossen? Die Antwort geben 2 einfache Grafiken:

45% des deutschen Stroms kommt aus Kohle (2015)

Quelle: Frauenhofer Energy Charts

Braun- und Steinkohle sind also für 45% der gesamten Strommenge verantwortlich, die 2015 in Deutschland erzeugt wurde. Die zweite Grafik zeigt, warum das problematisch ist:

 

Quelle: Frauenhofer Energy Charts

Um diese 45% des Stromes zu liefern, verursacht Kohle 80% der CO2-Emissionen aus der Stromproduktion. Kohle ist also mit Abstand die schmutzigste Energiequelle. Auch das Gerücht, die deutschen Kraftwerke seien die saubersten, stimmt höchstens teilweise: Denn Deutschland betreibt aus historischen Gründen mit Abstand die meisten Braunkohle-Kraftwerke weltweit – die absoluten Ober-Dreckschleudern.

Die Schätzung von CDU/CSU und FDP stammt aus dem Jahr 2016, als die Bundesregierung noch davon ausging, statt der angepeilten 40% Treibhausgasreduktion noch immerhin gut 37% Reduktion erreichen zu können.

Doch im Oktober dieses Jahres aktualisierte die Regierung diese Werte selbst und merkte: Das wird nichts mehr. Weil die Bevölkerung und die Wirtschaft stärker wachsen als erwartet, werden es wohl eher nur 32% weniger als 1990 werden. Die Lücke von 8% entspricht den Zahlen, für die die Grünen eintreten.

Das Klimaschutzziel für 2020 wird also, wenn nichts weiter passiert, um rund 100 Millionen Tonnen CO2 verpasst. Würden wir die ältesten Kohlekraftwerke möglichst schnell abschalten, würde das immerhin die Hälfte, also satte 50 Millionen Tonnen CO2, bis 2020 einsparen. Eine leichtere politische Maßnahme, um das zu erreichen, gibt es nicht.

Die schlechte CO2-Bilanz ist zwar der Hauptgrund dafür, dass viele den Kohleausstieg fordern – aber nicht der einzige: Kohleabgase bringen außerdem Gifte wie Blei in die Luft; Ruß und Feinstaub verursachen auch in Deutschland jedes Jahr hunderte Tote durch Atemwegserkrankungen. Wie Wälder aussehen, die der Schaufelradbagger vertilgt hat, zeigen das Rheinland und die Lausitz.

Braunkohletagebau Garzweiler im Rheinland – Quelle: flickr / Johan Wieland

Das ist also der Stand und der bringt uns zu den 4 Ängsten, die an die Frage nach einem deutschen Kohleausstieg gekoppelt sind.

Angst Nummer 1: »Dann gehen die Lichter aus!«

Der 28.11.2017 war ein ungewöhnlicher Tag: Für eine gute Stunde, zwischen 10:30 Uhr und 11:45 Uhr, verbrauchten die Menschen in Deutschland mehr als 70 Gigawatt Strom. Das ist eine Marke, die seit Jahren nicht geknackt wurde – und auch in Zukunft die absolute Ausnahme bleiben dürfte. Diese Leistung zu bringen, ist an einem windigen Tag wie letztem Dienstag kein Problem, auch dank der Windkraft. Aber was, wenn wir an einem kalten, windstillen Tag im Januar entscheiden, wieder so viele oder noch mehr Geräte laufen zu lassen? Dann, wenn kaum Wind weht und die Sonne nicht scheint?

Tatsächlich ist auch das kein Problem: Aktuell sind in Deutschland »grundlastfähige« Kraftwerke mit einer Leistung von rund 104 Gigawatt installiert. Zieht man die Atomkraftwerke (11 Gigawatt) ab, die bis 2022 vom Netz gehen, und die 20 Kohlekraftwerke (8 Gigawatt), die bis 2020 stillgelegt würden, blieben 85 Gigawatt Grundlast. Mehr als genug; auch im Extremfall bliebe genügend Reserve.

Quelle: Frauenhofer Energy Charts

Das zeigt auch: Deutschland hat große Überkapazitäten. Das wiederum zieht 3 Konsequenzen nach sich (von denen 2 nicht besonders erfreulich sind).

  • Export: Deutschland verkauft große Mengen Strom ins Ausland; in den letzten 5 Jahren haben sich die Exporte verzehnfacht.
  • CO2-Emissionen: Obwohl der Anteil der Erneuerbaren Energien stetig steigt, fallen die Emissionen im Stromsektor nicht. Der Grund: Viele verhältnismäßig umweltfreundliche Gaskraftwerke stehen still, weil sie teuer im Betrieb sind. Stattdessen lässt man lieber die Kraftwerke laufen, die billig sind – Kohlekraftwerke.
  • Netzstabilität: Tatsächlich machen die vielen Kohlekraftwerke die Netze sogar weniger stabil – das sagen zumindest das deutsche Wirtschaftsministerium und die Bundesnetzagentur. Denn an Tagen, an denen Wind- und Sonnenstrom ins Netz fließen, sind die Netze tendenziell überlastet. Weil Kohlekraftwerke wenig flexibel sind, müssen sie weiterlaufen und »verstopfen« so die Netze.

Deutschland exportiert immer mehr Strom

Deutsche Stromexport-Überschüsse in Terawattstunden

Netto-Stromexporte

Quelle: Agora Energiewende

Fazit: Dass in Deutschland die Fließbänder stillstehen oder wir zu Hause alle einen Notstromgenerator brauchen, muss also auch ohne die 20 ältesten Kohlekraftwerke niemand fürchten. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, sollte sogar lieber ein paar Kohlekraftwerke abschalten.

Angst Nummer 2: »Das kostet uns hunderttausende Jobs!«

In der Kohlebranche haben einmal hunderttausende Menschen gearbeitet – das ist aber lange her. Die Zahl der Braunkohlearbeiter fiel vor allem nach der Wende rasant. Die »Blumenerde«, wie die minderwertige Braunkohle im Osten auch genannt wurde, blieb entweder im Boden oder wurde fortan wesentlich effizienter mit großer Maschinerie gefördert.

Bei der Steinkohle sieht es ähnlich aus. Insgesamt sind heute nach Schätzungen des Umweltrates insgesamt noch rund 30.000 Menschen direkt in der Kohle angestellt. Doch die Kraftwerksbetreiber werden viele dieser Stellen ohnehin streichen, in 2 Jahren wird es unabhängig vom Kohleausstieg noch grob geschätzt 20.000 Kohlearbeiter geben. Und die Kumpel werden auch nicht jünger:

Quelle: Umweltrat

Gesamtwirtschaftlich gesehen sind diese Zahlen eher unbedeutend. Klimaschutz und Energiewende müssen als übergeordnete Interessen der gesamten Menschheit Vorrang haben vor dem Erhalt dieser ohnehin verschwindenden Arbeitsplätze.

Für die einzelnen Regionen ist die Kohle aber enorm wichtig, weshalb man die Probleme ernst nehmen muss, die sich vor Ort aus dem Ausstieg ergeben. Das geschieht nicht, indem man das Unausweichliche auf die lange Bank schiebt, sondern indem man für die Jobs, die früher oder später ohnehin wegfallen, Ersatz schafft und an Lösungen arbeitet.

Wie das geht, macht zum Beispiel Greenpeace Energy vor: Der Energieanbieter bietet den neuen Stromtarif »Solarstrom plus« an, bei dem für jede verkaufte Kilowattstunde 1 Cent in den Ausbau der Erneuerbaren in die Noch-Reviere fließt.

Klar ist auch: Ohne zusätzliches Geld aus der Politik wird das nicht genügen. Darüber, dass es das geben soll, sind sich die Parteien ungewöhnlich einig. Was damit in den Braunkohlegebieten passieren kann, hat das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung untersucht. Das Ergebnis:

  • Alle Jobs könnten durch den Ausbau von Wind- und Solarenergie ersetzt werden.
  • Die neuen Jobs in den Erneuerbaren Energien würden die regionale wirtschaftliche Leistung der Kohleindustrie voraussichtlich sogar übersteigen.
  • Knackpunkt: Nur ein Teil der Jobs würde direkt in den Revieren anfallen, der größere Teil würde in der Umgebung entstehen.

Fazit: Der drohende Jobverlust ist insgesamt gering. Mit dem Geld, das alle Parteien versprochen haben, lässt er sich vollständig abfangen. Die Tradition des Bergbaus wird mit oder ohne Kohleausstieg bald ein Ende nehmen.

Angst Nummer 3: »Der Strom wird viel teurer!«

Ob der Kohleausstieg teuer ist, ist eine Frage der Perspektive: Für die Betreiber der Kohlekraftwerke lautet die Antwort wohl erstmal »ja!«. Vor allem, weil die Kohle teilweise durch teureres Erdgas ersetzt würde, kämen auf sie in den Jahren 2020–2045 zusätzliche Kosten von insgesamt gut 23 Milliarden Euro zu, schätzt die ewi Energy Research & Scenarios gGmbH.

Für die, die den Kohlestrom ersetzen werden, sieht die Sache anders aus – sie können mit Gas, Wind und Sonne rund 7,5 Milliarden Euro zusätzlich verdienen.

Quelle: ewi Energy Research & Scenarios gGmbH

Und die Verbraucher? Mit Blick auf die Stromrechnung steigen die Kosten in diesem Zeitraum um 1,5 Milliarden Euro pro Jahr. Dieser Blick berücksichtigt allerdings nicht die enormen Finanzhilfen, die die Menschen in Deutschland Jahr für Jahr in die fossilen Brennstoffe stecken. Rechnet man auch Öl und Gas mit, so fließen nach Berechnungen des Forums ökologisch-soziale Marktwirtschaft rund 46 Milliarden Euro in die Fossilen – pro Jahr! Davon fließt zwar nicht das meiste in die Kohle, die 1,5 Milliarden Euro Strompreiserhöhung holt die Allgemeinheit aber leicht wieder rein.

Fazit: Ein wenig zu sorgen brauchen sich aber nur RWE und Co. Für die Steuerzahler ist ein Kohleausstieg unterm Strich eine lohnenswerte Angelegenheit.

Angst Nummer 4: »Deutschland macht sich mal wieder vor aller Welt zum Gespött!«

Lauschen wir Vertretern der Industrie, hören wir nicht selten, dass die Kollegen im Ausland über die hohen Strompreise in Deutschland lachen. Schließlich haben auch Atomausstieg und Energiewende nicht nur Lob, sondern auch internationales Kopfschütteln ausgelöst.

Unabhängig von der persönlichen Haltung wäre Deutschland, wenn es heute den Kohleausstieg ankündigte, bereits ein Nachzügler. Zu den Ländern, die den Kohleausstieg bis 2030 bereits beschlossen haben, gehören unter anderen:

  • Die Niederlande,
  • Frankreich,
  • Kanada,
  • Italien,
  • Großbritannien,
  • Mexiko,
  • Neuseeland.

Sicher ist: Das Einhalten internationaler Verträge hilft dem Ansehen Deutschlands in der Welt, und ein krachendes Scheitern beim Einhalten des Klimavertrags von Paris gehört ganz sicher dazu.

Fazit: Deutschland wäre mit einem Kohleausstieg international in guter Gesellschaft.

Gesundheit, Natur, vor allem der Klimaschutz und sogar die Versorgungssicherheit sprechen für einen schnellen Kohleausstieg. Angst davor braucht niemand zu haben – vorausgesetzt, die Zahlen stimmen.

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Ein Kommentar zu Warum wir (fast) keine Angst vor dem Kohleausstieg haben müssen

  1. TheBug sagt:

    Danke!
    Eine schöne Zusammenfassung. Bleibt zu hoffen, dass die auch von ein paar Leuten gelesen und verstanden wird die bisher immer noch meinen wir brauchen die Kohle.

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