Schweigespirale 2.0-Studie: Facebook-Überwachung führt zu Selbstzensur

Foto: ksfotoCreative Commons Attribution-ShareAlike License

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Die anlasslose Massenüberwachung bringt Minderheiten-Meinungen zum Verstummen. Das hat Elizabeth Stoycheff, Kommunikationswissenschaftlerin an der Wayne State University, in ihrer Studie “Under Surveillance: Examining Facebook’s Spiral of Silence Effects in the Wake of NSA Internet Monitoring” herausgefunden – mit Rückbezug auf die Schweigespirale der deutschen Allensbach-Gründerin Elisabeth Noelle-Neumann.

Menschen, so Noelle-Neumann in den 1970-er Jahren in ihrer bekannten Theorie, üben Isolationsdruck auf andere aus. Beispielsweise, indem sie den Mund verziehen oder sich abwenden, wenn jemand etwas sagt oder zeigt, das von der öffentlichen Meinung missbilligt wird. In der Folge neigen Diskussionspartner dazu, ihre eigene Gegen-Meinung zu verschweigen, wenn sie denken müssen, dass 
sie sich damit Isolationsdruck anderer aussetzen. Und: Laute Meinungsäußerungen auf der einen und Schweigen auf der anderen Seite – die sprichwörtliche “schweigende Mehrheit” sagt nichts – setzen den Noelle-Neumannschen “Schweigespiralprozess” in Gang. Das ganze wird durch die Massenmedien verstärkt – wenn sie einseitig berichten.

Anpassungsdruck beobachtete Stoycheff nun auch in den sozialen Medien Facebook und Twitter. Zusätzlich maß sie die Auswirkungen von wahrgenommener Überwachung.

Zunächst wurden für alle Teilnehmer ihrer Studie psychologische Profile angelegt, etwa, wie sehr sie sich von Überwachung beeinflussen lassen. Eine Kontrollgruppe in ihrer Untersuchung bekam dezente Hinweise, dass sie überwacht wird.

In Folge dessen war diese “überwachte” Gruppe deutlich weniger bereit, eine abweichende Meinung öffentlich zu vertreten – auch wenn sie laut ihrem Psychoprofil wenig zur Selbstzensur neigte (siehe Abbildung unten).

Fundamentales Menschenrecht

Die Tatsache, dass die”ich habe ja nichts zu verbergen”-Personen einen deutlichen Abschreckungs-Effekt erleben, zeigt, dass Online-Privatsphäre deutlich umfassender ist als die reine Rechtmäßigkeit des eigenen Handelns. Es geht um ein fundamentales Menschenrecht, die Kontrolle über Selbstdarstellung und sein Image zu haben, im Privaten und nun auch in Suchmaschinen-Historien und Metadaten“, sagte Stoycheff laut Washington Post.

Freie Meinung im Internet ist so gefährdet wie nie zuvor. Abweichendes wird schnell als Hass oder neudeutsch “Hatespeech” gelabelt. Aus dieser Hexenjagd heraus lassen sich schöne, auch staatsfinanzierte, Karrieren aufbauen. Das zeigt ein Blick in die USA zur Gamergate-Kontroverse oder nach Deutschland zur Amadeu-Antonio-Stiftung – wo diverse Ex-Piraten tätig sind, zu deren Lieblingsmethoden während ihrer aktiven Zeit um 2012 ausgeprägt negativer Gruppendruck zählte – um das mal sehr nett zu formulieren.

LINK: Volltext der Studie “Under Surveillance”
http://m.jmq.sagepub.com

Über Stefan Müller

Pirat und Zeitungsmacher.

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